Aktuelles (Stand 29. Juni 2026)
Von Christopf Kleinau - Rheinische Post - NGZ - 25.04.2026 15 Uhr
Diesen Stein verstehen nur Neusser
Neuss ·
Ein Grabstein zeigt das Obertor, ein anderer zählt die Tage bis zum Schützenfest. Drei Neusser Steinbildhauer überzeugen bei einem Innungswettbewerb die Jury mit ungewöhnlichen Arbeiten. Für den Erfolg gehen sie auch Risiken ein.der.
Das Handwerk zeigt, was es kann. Auch das gehört zur Landesgartenschau. Aber nicht nur die Damen und Herren mit dem grünen Daumen präsentieren sich, sondern auch die mit Meißel und Spalthammer – die Steinmetze. Besonders filigrane Arbeiten, die sie dem Gestein abgerungen haben, sind auf dem Feld der Mustergräber der Laga zu sehen, gleich neben der Lichtkirche. Dort zeigt sich die handwerkliche Steinbildhauerei in vielen Facetten, weswegen man eine Sorte Grabstein vergeblich suchen wird: „Das polierte Kotelett auf Sockel“, wie es Steinbildhauermeister Harald Kuhn ausdrückt, die Industrieware.
Kuhn ist nicht nur Botschafter für das „Immaterielle Erbe Friedhofskultur“, sondern auch einer von drei Steinbildhauern aus Neuss, die sich mit einem Grabsteinentwurf an einem Wettbewerb der Landesinnung NRW zur Laga in ihrer Heimatstadt beteiligt haben, ausgewählt wurden, ausstellen dürfen – und nach dem Urteil einer sechsköpfigen Jury mit einer Medaille ausgezeichnet wurden. Eine Anerkennung der Zunft, die nur noch durch eine Ehrung übertroffen werden könnte: Dass nämlich die Steine auf der Laga einen Käufer finden. Zwei ihrer Ausstellungsstücke auf der Landesgartenschau in Höxter vor drei Jahren seien danach im Weserbergland geblieben, sagt Cornelia Pastohr stolz. Geht also.
Insgesamt acht Medaillen gingen an die drei Steinmetze aus Neuss, eine davon wurde sogar vergoldet. Die Ausstellungsstücke entstanden in der für die Friedhofsbildhauer eher mauen Winterpause ab Dezember – mit einer Ausnahme. Harald Kuhn (64) und seine Tochter Victoria (32) stellen eine mit Silber prämierte Arbeit aus, die schon vor mehr als 30 Jahren in dem Betrieb auf der Furth entstand. Die Form erinnert an einen Parfümflacon, denn genau das war die Profession des Toten, auf dessen Grab die anpolierte Granitsäule stand. Das Grab wurde nach dem Ende der Ruhezeit eingeebnet, der Stein zurückgenommen und recycelt, wie es Victoria Kuhn nennt. Denn: Ist nicht Nachhaltigkeit auch ein großes Laga-Thema?
Dieser Stein ist beschriftet, denn das Aufsetzen oder Eingraben von Schriften gehört zur gestalterischen Arbeit. Adamec und Evienne Flaconeur (von Flacon!) ruhen nun angeblich in seinem Schatten, aber das kann nicht sein. Um jedem Betrachter zu zeigen, dass dies kein echtes Grab ist, reicht schon ein Blick auf die angegebenen Lebensdaten. Adamec wird demnach erst in ferner Zukunft geboren werden – nämlich im Jahr 3456 unserer Zeitrechnung. Und sein Todesjahr wird 5678 gewesen sein.
Markus Mößmer (61) hat auf eine Beschriftung verzichtet. Er wolle den künftigen Erwerber in keiner Form vorab festlegen, sagt der Neusser, der im Zuge einer Unternehmensnachfolge einen Betrieb in Düsseldorf übernehmen konnte, der sonst wohl von der Bildfläche verschwunden wäre. Dort widmete er einem in Hessen gebrochenen Hartstein (Typ: „Diabas“) für die Laga-Bewerbung einige Wochen lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Auf dem gradlinig behauenen Quader prangt nun – detailreich herausziseliert – das Obertor, zu dem auch Mößmer eine besondere Beziehung hat: Als Posaunist im Musikverein Holzheim zieht er an den Ehrenabenden mit den Schützen durch das Tor in die Stadt. Diesen Durchgang hat er in seiner Arbeit aber geschlossen gelassen – damit nicht irgendjemand dort eine Brechstange ansetzen kann. Den Preis für seine Arbeit veranschlagt er grob mit 5000 Euro. Er würde ihn auch für weniger hergeben, „wenn er einen guten Platz bekommt“, betont Mößmer.
Cornelia Pastohr (46), die ihre Werkstatt seit 2009 in der Nordstadt hat, hat eine Goldmedaille für einen Stein bekommen, der die mittelalterlichen Stadttore, das Globe aber auch den Stadtpatron St. Quirin auf seiner Kuppel zeigt und in den die Liedzeilen des Neusser Heimatliedes eingegraben sind. „Ich bin halt Neusserin“, sagt sie. Fast noch mehr aber mag Pastohr den – knapp „nur“ silberprämierten – Stein in Schlüssellochform, den sie aus Carrara-Marmor gefertigt hat und der den Stadtpatron im Halbreflief zeigt. Das kommt bei Sonnenschein besonders gut zur Geltung, wenn die Konturen Schatten werfen. Auf dem Stein hat sie auch marschierende Sappeure und Grenadiere verewigt (weil die wegen ihrer Uniform einfach erkennbar dargestellt werden können) und daneben eine – notfalls wieder zu entfernende – Schützenuhr integriert. Die zeigt exakt die Zeitspanne zwischen der Eröffnung der Laga und dem Böllern zum Schützenfestauftakt an: 135 Tage: 01 Stunden: 00 Minuten: 00 Sekunden. „Damit bin ich ein großes Risiko eingegangen, denn diesen Stein verstehen nur Neusser“, sagt Pastohr. Aber genau für dieses schöne Stück hat sie schon einen Interessenten.
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